Die russische Pianistin wird in Mülheim gefeiert… So hört man es als Zuschauer nur selten.

Die russische Pianistin wird in der Stadthalle gefeiert. Sie lässt, etwa in Chopins erstem Nocturne, das Klavier bis in die letzten Verästelungen der Melodie in silbrig leuchtender Melancholie singen – so hört man es als Zuschauer nur selten.

Das „oscuro“ ließe sich am ehesten mit „magisch“ übersetzen, ihr Spiel wirkt wie eine Beschwörung der tiefsten Tiefen der Musik, die unter ihren Händen wie in einem Schöpfungsakt quasi neu entsteht. Dadurch wirken auch extremste Ausdruckswerte immer durch einen organischen Prozess legitimiert wie auch durch Bewusstsein gesteuert, nie subjektivistischwillkürlich.

http://www.derwesten.de/staedte/muelheim/anna-gourari-eroeffnet-klavier-festival-ruhr-in-muelheim-id9333258.html

Anna Gourari eröffnet Klavier-Festival Ruhr in Mülheim

11.05.2014 | 16:39 Uhr

Anna Gourari eröffnet Klavier-Festival Ruhr in Mülheim
Spielt in Olpe Skriabin und Chopin: die Weltklasse-Pianistin Anna Gourari.Foto: Veranstalter

Die russische Pianistin wird in der Stadthalle gefeiert. Sie lässt, etwa in Chopins erstem Nocturne, das Klavier bis in die letzten Verästelungen der Melodie in silbrig leuchtender Melancholie singen – so hört man es als Zuschauer nur selten.

„Canto Oscuro“ nennt Anna Gourari ihre neueste CD, und tatsächlich kann man den Titel als komprimierte Charakterisierung ihres Spiels lesen, wie sich im ersten Mülheimer Konzert des Klavier-Festivals Ruhr zeigte: Sie lässt, etwa in Chopins erstem Nocturne, das Klavier bis in die letzten Verästelungen der Melodie in silbrig leuchtender Melancholie singen, wie man es selten hört.

Das „oscuro“ ließe sich am ehesten mit „magisch“ übersetzen, ihr Spiel wirkt wie eine Beschwörung der tiefsten Tiefen der Musik, die unter ihren Händen wie in einem Schöpfungsakt quasi neu entsteht. Dadurch wirken auch extremste Ausdruckswerte immer durch einen organischen Prozess legitimiert wie auch durch Bewusstsein gesteuert, nie subjektivistischwillkürlich.

Langer Beifall und zwei Zugaben

Das zeigte sich etwa in der wuchtig-düsteren Chaconne von Sofia Gubaidulina, der ein Choralvorspiel von Bach wie ein eindringliches Gebet vorausging, oder in dem rasenden Furor am Schluss von Chopins b-moll-Scherzo, dessen langsame Teile sich fast statisch in jenseitig leuchtenden Klang auflösten. Dass sie auch noch ganz anders konnte, zeigte Anna Gourari zum Schluss in Hindemiths „Suite 1922“, deren parodistisch-skurrile Frechheiten nichts von ihrer Wirkung verloren haben, auch wenn der Komponist heute nicht mehr der „Bürgerschreck“ von damals ist.

Charakteristisch auch für das Gespür des Publikums, dass Zwischenbeifall gerade nach dem mit faszinierender Klanglichkeit realisierten „Nachtstück“ aufkam. Nach dem abschließenden „Ragtime“, bei dem nach Hindemiths Anweisung das Klavier als eine interessante Art von Schlagzeug zu behandeln und nicht lange zu überlegen sei, ob „Dis“ mit dem vierten oder dem sechsten Finger gespielt werden sollte, erforderte der lange Beifall noch zwei Chopin-Mazurken als Zugabe.

Wie sagte Regisseur Werner Herzog einmal zu Anna Gourari? „Sie machen nicht Musik, Sie sind Musik!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das zweite Mülheimer Konzert im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr bestreiten die amerikanischen Zwillingsschwestern Christina und Michelle Naughton am Donnerstag, 26. Juni, 20 Uhr, in der Stadthalle. Bei ihrem Festival-Debüt haben die Pianistinnen mit der „Sonatina“ von Conlon Nancarrow einen Repertoire-Leckerbissen im Programm.

Roland Dymke