In Brahms‘ op. 117 war die Pianistin in Anschlagskunst, Intimität der Aussage und unglaublicher Poesie auf einsamer Höhe.

Passauer Neue Presse

vom 31.10.2017, Feuilleton

 

Ein Fest in Weiß und Schwarz

Kit Armstrong und Anna Gourari krönen das erste Wilhelm-Kempff-Klavierfestival der Festspiele Europäische Wochen

(…)
Das vierte und letzte Konzert des Wilhelm-Kempff-Festivals im großen Rathaussaal gestaltete die bekannte russische Pianistin Anna Gourari. Man kann froh sein über die Initiative des Intendanten Thomas Bauer, ein derart konzentriertes, erfolgreiches Klavierfestival im Namen Wilhelm Kempffs ausgetragen zu haben. Dabei ergab sich mit den fünf verpflichteten Pianistinnen und Pianisten eine spannende Vielfalt, die Einblicke in verschiedenartige Schulen und Musikercharaktere ermöglichte.

So war der denkbar große Kontrast von Herbert Schuch zu Anna Gourari das Erlebnis schlechthin und zeigte, wie gegensätzlich großes, meisterhaftes Spiel ausfallen kann! Anna Gourari, wesentlich geprägt durch die russische „Neuhaus“-Schule (Neuhaus-Schülerin Vera Gornostaeva) hatte ihren Durchbruch mit dem ersten Preis beim Clara-Schumann-Wettbewerb in Düsseldorf 1994. Seitdem ist sie, nicht zuletzt durch weitere Auszeichnungen wie dem Echo Klassik, ein fester Begriff.

Zu Beginn erklang Chopins Scherzo b-Moll statt der angekündigten Beethoven-Sonate. Die Pianistin, die an diesem Abend mit kalten Fingern rang, spielte „ihren“ Chopin nachtwandlerisch sicher, wie hervorgeholt aus Kinderzeiten. Angemerkt sei, dass es ihr nicht um durchhörbare Transparenz ging – auch das ein krasser Gegensatz zu Herbert Schuch -, sondern um die Übermittlung der Charaktere. Diesen Ansatz teilt Gourari mit Elisabeth Leonskaja. In ihrem originellen Programm folgte die ihr gewidmete „Lichtstudie III“ von Jörg Widmann. Diese vielen Hörern ungewohnt ekstatische und raffiniert ausgetüftelte Klangflächenmusik zeigte Gouraris Spannungs- und Anschlagsvermögen. Klänge wurden zu Abenteuern, pflanzten sich fort, hinterließen Spuren und gaben vom Verklingen Rätsel auf.

In Brahms“ „Drei Intermezzi op. 117“ war die Pianistin in Anschlagskunst, Intimität der Aussage und unglaublicher Poesie auf einsamer Höhe. Der letzte Programmpunkt, die selten zu hörende „Suite 1922“ von Paul Hindemith wurde mit beabsichtigtem Übermut, mit klanglicher Raffinesse und im „Nachtstück“ mit hoher Sensibilität zu einem Kleinod des Anbruchs der Moderne. Die große, sympathische Pianistin verabschiedete sich mit einer dahingezauberten Mazurka von Chopin.

Hans-Udo Kreuels